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Punch: Auf „Cobblestone Runway“(2002) hatte man den Eindruck,
dass du eine schwere Zeit durchmachst und dir selbst Mut zusprechen musst.
Auf dem neuen Album „Retriever“ hat sich das anscheinend geändert.
Es wirkt selbstsicherer und es sieht so aus als hättest du deinen Platz
gefunden.
R. Sexsmith: Ja, das ist richtig. Ich denke „Cobblestone Runway“ war
so eine merkwürdige Zeit. Als ich die Songs dazu schrieb, vor dem Erscheinen
von „Blue Boy“(Anm.: 2001), hatte ich keine Familie mehr, keine
Plattenfirma. Ich zog zu meinem Manager, der ein großes Haus hat.
Ich hatte meinen ganzen Besitz in einen Raum. Das war verrückt. Ich
dachte was passiert hier, wo ist mein Leben hin? Ich schrieb
all die Songs, wie etwa „Former Glory“. Der Gedanke war, dass
die Dinge sich bessern werden. Ich habe nicht absichtlich versucht solche
Songs zu schreiben,
aber denke ich brauchte es, das geschah ganz unterbewusst. „Retriever“ war
eine ganz andere Sache. In dieser Zeit entwickelte sich eine
Beziehung. So wurden die Lieder fröhlicher. Meine Label-Situation
klärte
sich. Alles sah besser aus und das spiegelt sich auf der Platte
wieder.
Punch: Beim Schreiben der Lieder, wonach suchst du, den perfekten
Song oder den persönlichen Song.
R. Sexsmith: Das ist sehr
unterschiedlich, ein bisschen von beidem, auch bei den Songs
die ich gern höre. Ich liebe Songs
die stimmig sind und es ist schwer zu sagen, woran es liegt. Manche
Songs klingen, als fliegen die Lieder
einfach herum und du musst sie dir nur greifen. Ich möchte Lieder
schreiben, bei denen man auch die komplette Produktion weglassen
kann, nur Klavier oder Gitarre und es klingt immer noch wie ein Song. Vielleicht
ist das ein altmodischer Anspruch. Ich kenn Leute, die schreiben
mit Basslinien
oder sonst was. Das ist okay, aber für mich sollen sie auch funktionieren
wenn du allein auf der Bühne stehst.
Punch: Ich denke, dass
ist deine große Stärke. Deine
Songs können
mit Orchester gespielt werden oder auch mit der Lagerfeuergitarre.
R. Sexsmith: Ich
habe gerade ein Lied aufgenommen für ein Tributealbum für
Stephen Foster. Er war der King darin, er schrieb fantastische
Lieder im 19. Jahrhundert und konnte niemals einen davon aufnehmen. Trotzdem
kennt
sie heute jeder, wie „Oh Susanna“ und „Camptown Races“.
Wenn du sie nur mit dem Klavier spielst klingen sie großartig. Das
ist meine Ambition, Songs zu schreiben die vielleicht überdauern.
Ich mag James Brown und das ganze Zeug, das eher auf der Performance
basiert, dem Groove, aber ich weis nicht, wie man das macht.
Punch: Auf deiner
Webseite zählst du Bill Withers zu deinen
Helden. Könntest
du noch weitere Einflüsse benennen.
R. Sexsmith: Ich habe Songschreibereinflüsse, genauso wie Sängereinflüsse.
Buddy Holly ist ein sehr großer. Ich schrieb den Song „Secret
Heart“ auf dem ersten Album. Für mich, schrieb ich ihn mit Buddy
Holly im Kopf. "True Love Ways" oder ähnliche Songs. Er
war ein großer Einfluss. Elton John war auch einer der Leute. Als
Kind hatte ich im Zimmer alles voller Elton John Poster. Und mein erstes
Konzert war auch Elton John. Ich glaube die Leute vergessen manchmal, was
für ein Genie er war. Vielleicht nicht die Texte, aber musikalisch.
Einige der Texte, die er singen musste waren schlecht. Aber
er konnte sie umsetzen, so dass sich die Leute daran erinnern.
Später kam Ray Davis dazu, von den Kinks. Er war einer der ersten
Rockstars, mit dem ich mich verbunden fühlte. Ich mochte auch John
Lennon, aber er schien so cool. Ich könnte nie so cool sein, egal
was ich mache, Dylan genauso, zu weit oben. Ray Davis schien erreichbarer,
eher verrückt, damit konnte ich mich eher in Verbindung bringen. Und
ich mag den Klang seiner Stimme. So mein erster Versuch war, Song zu schreiben
wie Ray Davis. Und ich höre immer noch einen starken Einfluss, in
meiner Musik.
Punch: Und was ist mit Elvis Costello? Vor ein paar
Jahren seid ihr gemeinsam in Berlin aufgetreten.
R. Sexsmith: Ich liebe die
Musik von Elvis. Als gerade New Wave erschien habe ich gerade
die Kings entdeckte und The Who, die Beatles und all der Kram.
Dafür
hab ich mich damals begeistert. Ich mochte nicht, wie die neue Musik damals
klang. Dann hörte ich Elvis Costello. Mein Bruder brachte eines Tages „Armed
Forces“(Anm.: 1979) mit nach hause und ich wollte ihn anfangs gar
nicht mögen. Aber dann entdeckte ich, dass ich die Platte immer wieder
und wieder hörte. Und dann dachte ich wow. Da ist mir Einiges klargeworden.
Ich wurde ein großer Fan. Ich glaube er hat einen Einfluss auf jeden
Songschreiber, der nach ihm kam. In der selben Art wie Dylan and Lennon
für ihre Generation. Ich erinnere mich, Elvis war ziemlich groß in
den frühen Tagen, in den frühen Achzigern und späten Siebzigern.
Ich hörte so viele Leute, die Elvis Costello klingen wollten, auch
aus Kanada. Er ist einer der Typen, die wie ein Chamäleon wirken.
Er hat so viele unterschiedliche Platten aufgenommen. Meine Lieblingsplatte
von Elvis Costello ist „Painted From Memory“( Anm.: 1998),
erst ein paar Jahre alt. Das ist inspirierend, nach all seinen fantastischen
Platten, macht er so eine Platte. Von Tom Waits ist mein Favorit „Alice“ (Anm.:
2002) auch erst ein paar Jahre alt. Das inspiriert mich, wenn ich mir vorstelle,
wenn ich erst in meinen Fünfzigern bin, kann ich immer noch mit etwas
rauskommen, das so gut ist wie alles was ich vorher getan habe.
Außerdem gibt es noch weitere Einflüsse sicher ist Bing Crosby
einer meiner Lieblingssänger, Dusty Springfield.
Punch: Auf deiner Internetseite
schreibst du, dass der Song „Dandelion
Wine“, vom neuen Album, bekennender ist, als dir lieb ist. Aber im
Prinzip erscheinen die meisten deiner Lieder sehr persönlicher Natur
zu sein.
R. Sexsmith: Das geht zurück auf eine der früheren Fragen. Leute die meiner
Karriere folgen bekommen einen Eindruck wo, mein Kopf zu den unterschiedlichen
Zeiten war. Manche Platten sind trauriger als andere. Ich nehme mir nie
vor, das zu tun. Ich möchte gar nicht, dass meine Musik ein Tagebuch
ist, in dem jeder lesen kann. Es passiert unausweichlich. Du schreibst,
was du kennst. Ich finde wenn ich glücklich bin und alles gut läuft
schreibe ich mehr Story-Songs, wie zum Beispiel „Strawberry Blonde“ (Anm.:
auf „Other Songs“, 1997). Die sind meist länger. Zum Beispiel
jetzt hab ich gerade 15 neue Songs fertig geschrieben, und das sind alles
Story-Songs. Da gibt es zwar einiges persönliches Zeug, aber hauptsächlich
sind es kleine Erzählungen.
„
Dandelion Wine“ war ein Lied, bei dem ich mir nach dem Schreiben
nicht sicher war, ob ich es auf der Platte haben wollte. Ich singe es einerseits
für meine Kinder, die verstehen müssen, dass ihre Eltern jetzt
nicht mehr zusammen sind. Und dass es aber eine frohe Zeit
gab in der wir verliebt waren. Etwas, dass ich vielleicht auch vergessen
habe. Nun ist
es einer meiner Lieblingssongs auf dem Album.
Punch: Es ist ein Lied
das im Ohr bleibt. Ich mag die kleinen Geschichten.
R. Sexsmith: Dann wirst
du meine nächste Platte mögen. Heute morgen im Hotel
dachte ich, ich hab die Songs jetzt zusammen, nun müssen wir sie nur
noch aufnehmen.
Punch: Wirst du wieder in England aufnehmen?
R. Sexsmith: Wahrscheinlich
nicht, wir haben vor der Tour mit Aufnahmen für ein
anderes Album begonnen, mehr ein Country-Platte an dem ich zusammen mit
meinem Drummer (Anm.: Don Kerr) arbeite. Er hat eine gute Stimme, eine
wirklich schöne hohe Stimme. Wir singen zusammen wie die Lumen Brothers.
Das ist jetzt nahezu fertig aufgenommen. Und dann hab ich noch die anderen
Lieder. Ich weis noch nicht, was ich mit ihnen mache. Ich würde gern
einen Produzenten finden, mit dem ich noch nicht gearbeitet habe. Vielleicht
gehe ich aber doch zurück, zu Mitchell Froom, ich weis noch nicht.
Wir werden sehen was passiert.
Punch: Auf „Retriever“ findet man ein
paar kleine Teile, die ein politisches Statement beinhalten,
zum ersten mal in dieser Form.
R. Sexsmith: Ja, zum ersten Mal, auch das
war unvermeidlich. Ich war in der Luft zur selben Zeit wie 9/11, ich war
in Madrid zum Zeitpunkt des Attentats. Es
ist verrückt, totaler Wahnsinn geht um. Was das Lied „From Now
On“ betrifft – ich fing an darüber nachzudenken in der
Zeit als die Dixi-Chicks Ärger bekamen. Und ich dachte es ist schrecklich,
so eine Atmosphäre in Amerika, in der dich jeder hasst, wenn du den
Präsidenten kritisierst. Und die Republikaner versuchen ständig
Druck aufzubauen gegenüber freidenkenden Menschen. Alles dreht sich
um den falschen Präsidenten, für den niemand wirklich gestimmt
hat. Na ich bin ja Kanadier. Es ist aber ein dermaßenes Durcheinander
im Universum. Und ich wollte einen Song darüber schreiben, der davon
handelt. Die ganzen Gründe in den Krieg zu ziehen. Jeder spricht darüber
seit langer Zeit. Es scheint ein bisschen dubios. Es ist nicht
mein Vorsatz politische Songs zu schreiben, aber wie gesagt
ich plane die Lieder nicht.
Alles kommt einfach raus und so ist es. Ich mag es, den Song
live zu spielen. Es rockt gut, der Text ist sehr einfach, sehr
direkt. Und ich glaube es
gibt Leute, die sind besser mit dieser Art Lieder.
Punch: Auf der Liste
deiner Lieblingsalben von letztem Jahr findet man June Carter
Cash, Bing Crosby, was nicht überraschend war, aber auch Outcast mit „Speakerboxxx“.
R. Sexsmith: Mein
Sohn hat es mit nach Hause gebracht. Ich mag auch deren andere Alben, wie
den Vorgänger „Stankonia“. Man konnte der Platte nicht
entgehen, sie war überall. Aber auch die davor kannte mein Sohn und
war darin sehr vertieft. Als das neue Album nun herauskam war ich sehr
begeistert. Es wurde bei uns überall im Haus gespielt. Ich glaube
ich mochte es mehr als er. Er bevorzugt mehr Hip Hop und das neue ist eher
Pop, mehr Soul, wie Earth, Wind and Fire und solche Sachen. Zu der Zeit
war das sehr frisch. Die haben einen Sinn für Humor und es ist schön
zu sehen. Ich bin gelangweilt von all dem Rap-Zeug, die Attitüde,
wo die Typen immer die ganz Harten spielen, aber sie haben einen Sinn für
Humor und sind nicht darum verlegen sich über sich selbst lustig zu
machen. Sie sind wie die Beastie Boys, oder so.
Punch: Es geht sehr
ums Performen und Spaß zu haben.
R. Sexsmith: Ich hab ein Interview mit André 3000 gelesen und er hört alle
möglichen Sachen, wie Nick Drake. Und das finde ich toll wie diese
Welt sein kann, nicht so verschlossen. Manchmal kommen Leute vorbei und
machen richtig gutes Zeug im Hip Hop, wie Talib Kweli, der ein richtiger
Poet ist. Auch Eminen, zumindest die Sachen, wo er ernsthaft war, wie in
dem Song „The Way I Am“, das ist richtig kraftvoll. Aber dann
klingt eine ganze Menge einfach nur gleich für mich. Und da ist es
gut Outcast zu haben, die haben Hip Hop, Melodie und den Sinn für
Humor, deshalb sind sie auf meiner Liste.
Punch: Du hast viel Unterstützung
von anderen Musikern und Journalisten erhalten. Hat das deine
Arbeit erleichtert?
R. Sexsmith: Ja, das ist gut. Während meiner ganzen Karriere hatte ich viel Glück.
Die Presse war überwiegend gut zu mir. Ich hatte auch ein paar schlechte
Rezensionen, aber die sind manchmal auch gut. Manche Reviews schiessen
einfach übers Ziel hinaus. Ich hatte noch keinen großen Hit
oder ein Hitalbum. So über die Jahre rettete mich die Unterstützung
von Presse und anderen Künstlern, schützte meine Karriere. So
viele Künstler kämpfen mit Unklarheiten ihr ganzes Leben. Da
bin ich sehr froh, ich konnte weitermachen und weiterarbeiten. Die Leute
schreiben was über die Platten und das ist immer interessant. Meine
Fans – ich mag das Wort nicht so – meine Unterstützer,
oder wie auch immer, sind sehr treu und es scheint, als werden es mehr.
Besonders in Deutschland, ich hab hier nie viel verkauft und auf dieser
Tour ist es bis jetzt immer voll. Das ist neu für mich. Ich steh nicht
schlecht da in anderen Ländern, aber in Deutschland war es immer schwerer,
aus irgendeinem Grund. Ja, und jetzt hab ich den Eindruck,
darauf kann ich aufbauen und es kann weitergehen.
Punch: Auf deinem neuen Album
hast du mit den Jungs von Travis zusammengearbeitet,
davor mit Chris Martin von Coldplay. Hast du eine besondere
Beziehung zu Großbritannien?
R. Sexsmith: Auf irgendeine Weise ja, habe ich. Weil
ich dort mein Publikum zuerst gefunden habe. Das war um „Ron Sexsmith“ herum, das 1995 herauskam.
Es war tot in Amerika, niemand spielte es, das Label hasste es und ich
dachte die Karriere ist vorbei. Und wirklich, beim Label gab es Leute,
die sagten es ist vorbei. Und aus dem Nirgendwo kam die Elvis Costello
Rückentdeckung, als er auf dem „Mojo“-Cover war. Es war
wie ein Schock, der in der ganzen Welt gehört wurde. Und plötzlich
gab es Interesse an meiner Musik von überall, zum Beispiel Australien
und alle fragten wer ist dieser Ron Sexsmith Typ. Und das drängte
das Label zu einer internationalen Veröffentlichung. Und England war
das erste Land, wo ich in „Q“ jede Woche war und in „Mojo“.
Vielleicht das Selbe, was Ryan Adams vor ein paar Jahren passiert ist.
Und das zu meiner erste Platte. Und ich erinnere mich, bevor ich das erste
mal nach England ging, war ich Opener bei ein paar Shows. In den Staaten
fühlte ich mich wie ein Niemand. Dann setzte ich mich ins Flugzeug
nach London und hatte dort zwei ausverkaufte Shows. Squeeze eröffneten
für mich und in der Woche traf ich Paul McCartney. In seinem Haus.
Frühstücken mit Paul McCartney, ich konnte es nicht glauben.
Wow, das ist verrückt. Und es war seitdem immer gut dort. Ich hab
eine Menge Leute dort kennen gelernt Seamen, Coldplay, Keane
kenne ich, McCartney. Ich hab eine Menge Freunde dort.
Punch: 1996 hab ich dich
das erste mal in Manchester erlebt.
R. Sexsmith: Was du warst da? Da standen
vielleicht zehn Leute.
Punch: Ja, es war ein kleines
Publikum damals.
R. Sexsmith: Was hast du dort gemacht?
Punch: Ich hab dort ein halbes Jahr studiert.
R. Sexsmith: Das war
eine der ersten Touren. Wir spielten in London und das war großartig.
Und in den kleineren Städten war niemand da. Erfreulicher Weise hat
sich das entwickelt. Wir spielen dieses Jahr wieder in Manchester.
Diesmal wird es wohl ausverkauft sein. Ich erinnere mich an
die Show, damals spielte
ich mit vielen englischen Musikern.
Punch: The Midnight Specials.
R. Sexsmith: Oh, die hießen The Midnight Specials? Wirklich? An den Teil kann
ich mich gar nicht erinnern. Aber ich erinnere mich, das der Bassist, sich
nicht quälen wollte und meine Songs nicht lernte. Das hätte ich
fast vergessen.
Punch: Ein Franzose aus unserem Wohnheim drängte mich damals zu deinem Konzert.
Er hatte einen Sampler aus dem französischen Musikmagazin „Les
Inrockuptibles “ mit einem Stück
von dir.
R. Sexsmith: Ja „Les Inrockuu...“. Auch Frankreich hat sich auch gut entwickelt.
Es sieht alles ganz gut aus. Vor kurzen war es so, was geht dort vor? Mit
jeder neuen Platte mache ich einen Schritt vorwärts und fühle
mich ein bisschen mehr etabliert und das ist gut. Ich bin dieses Jahr 40
geworden und würde gerne denken, dass es nicht ewig so anstrengend
sein wird (lacht). Und das ist auch gut so.
Interview für Persona Non Grata: Klaus und Lars
Ort und Zeit: Quasimodo/Berlin
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