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Für Mia- Sängerin Mieze geht Kommunikation über alles. Miteinander reden tun ihrer Meinung nach nur noch die wenigsten Menschen. Natürlich haben die Berliner Elektropunker keinen Millionenschweren Werbe-Deal mit der Deutschen Telekom in der Tasche und auch nicht mit der Ökostrom-Industrie. Auch wenn das der zweite Song „Ökostrom“ des neuen Albums „Stille Post“ impliziert. „Kommunikation ist alles“ könnte so nicht nur der perfekte Werbeslogan für den Telekommunikations-Riesen vom Rhein sein, sondern auch die Strategie für die Berliner Newcomer, mit der sie den Vorurteilen gegenüber ihrer EP „Was es ist“ und ihrer Teilnahme am Grand Prix gegenüber treten könnten. Gesprächsstoff gab es also genug. Grund genug für uns die Einladung zum Gespräch mit Sängerin Mieze und Drummer Gunnar Spies wahrzunehmen, um Licht ins Dunkel zu bringen, denn Kommunikation ist bekanntlich auch das was ankommt. Das Protokoll eines interessanten Dialogs.
Story Bild Punch: Bei eurem neuen Album „Stille Post“ ist der Grundton etwas ruhiger geworden. Ihr seit nicht mehr so schrill wie auf „Hieb & Stichfest“. Wie kommt’ s?

Gunnar Spies: Ich würde es nicht wirklich als ruhiger bezeichnen.
Mieze: Ich glaub eher das Gewand hat sich verändert. Die Art und Weise wie wir ein Gespräch anfangen hat sich verändert und die Art und Weise wie ein Statement gemacht wird oder wie wir uns auf dem Album Gedanken machen. Ein Unterschied zu „Hieb & Stichfest“ ist zum Beispiel: Auf „Stille Post“ gibt es irre viele Fragen- also ich stelle sehr viele Fragen und benutz die als Ausgangspunkt für ein Lied oder halt für ein Gespräch, weil wir uns, glaub ich, konzentriert haben auf Dinge, die uns wichtig sind. Kommunikation ist sowieso das aller Wichtigste unter uns allen, die wir hier auf der Welt Leben, dass wir nämlich mal wieder anfangen miteinander zu reden, dass wir unseren Nachbarn kennen und wissen was geht und dass zwischenmenschlich einfach was passiert und ich glaube, dass sich deshalb das Gewand geändert hat, um direkter ins Herz zu kommen. Wir machen uns selber auf `ne Art und Weise offener und auch verletzlicher, um aber das auch jemandem anderen zuzugestehen, unserem Gegenüber sozusagen. Es ist nicht mehr diese Stärke um der Stärke willen, sondern es ist dieses ich bin Mensch und stark weil ich bin wie ich bin und hab auch Schwächen und in dem Moment, in dem ich die erkenne und bei mir ist es so in dem Moment wo ich angefangen hab dafür Vokabeln zu finden, Worte zu finden, hab ich gemerkt ich sag’s darin. Ich werde darin stark, in dem Moment wo ich so n Lied wie „Hoffnung“ angefangen hab zu formulieren, wie man sich so fühlt in so einem Moment wo eigentlich alles zu spät ist, wo auch nichts mehr da ist außer die Hoffnung, dass irgendwas besser wird, hab ich mir gleichzeitig Gedanken gemacht „Wie geht’s mir denn?“, „Wann wird’s denn bei mir besser“ und hab gemerkt: Ich werde darin stärker und es hat mir persönlich sehr, sehr gut getan, mich so ne Nähe zu trauen, das nicht auf Abstand zu halten.

Punch: Wann schreibst Du deine Texte? Smudo von den Fantastischen Vier hat letztens in einem Interview gesagt, dass er früher die besten Texte auf Alkohol und Drogen tief in der Nacht geschrieben hat. Mittlerweile sei aber am Morgen die beste Stimmung, um zu texten. Wie ist das bei dir?

Story BildMieze: Für mich gibt’s kein Rezept. Ich hab eher das Gefühl es kommt zu mir! Ich mach mich dafür auf und bin auch super kommunikativ in so ner Zeit, rede unglaublich viel, bespreche auch Themen mit den Jungs, oder mit Freunden, um halt… ich will ja verstanden werden, definitiv, ich will ja nicht, um den heißen Brei rum reden. Manchmal ist es halt so ganz kurz bevor man wegdämmert, gibt’s so ne Zeit, wo das Unterbewusstsein total frei ist, wo mir ein paar Sachen einfallen und dann ist’s lustig, weil dann musste immer mit Dir kämpfen und sagen: „Ey, hol Dir jetzt bitte n Zettel und Stift“ und dann sagt der andere Teil: „Hey, ich weiß das morgen früh auch noch“ und der andere Teil sagt dann wieder: „Hey, du weißt morgen nichts mehr von dem, was du jetzt noch weißt!“ und so ist es dann. Ich bin da aber total offen, das kann mir jede Sekunde passieren. An der Bushaltestelle, wenn ich betrunken bin, dann denk ich eigentlich eher an andere Dinge als an Texte, geht ja bei mir auch wirklich sehr an die Substanz.

Punch: Sind deine Texte autobiographisch, also verarbeitest du deinen Alltag, deine Erlebnisse in deinen Texten oder woher kommen deine Einflüsse?

Mieze: Also ehrlich gesagt, stelle ich mir dieselben Fragen, die Du Dir auch stellst. Uns gehen dieselben Sachen durch den Kopf. Der liebe Gott hat mich mit dem Talent beschenkt, diese Sachen formulieren zu können und texten zu können und damit Musik machen zu können. Das ist halt noch mal ne ganz andere Sprache, weil ich diese Sachen auch in Ländern singen kann, in denen man kein Wort versteht, von dem was ich sage, weil da geht’s ganz, ganz viel um Energie, um Gefühl, was kommt dabei rum? Mir passieren jetzt nicht andere Dinge als Dir!

Story BildPunch: „Hieb & Stichfest“ war der Überraschungserfolg. Ihr habt auf sämtlichen Festivals gespielt, die letzte Tour zur „Was es ist“ - EP war komplett ausverkauft. Bei eurem letzten Album hattet ihr mehr Zeit und weniger Druck, weil auch der Erwartungshorizont geringer war. Nach dem riesigen Erfolg waren die Erwartungen groß. Wie hat sich der Druck auf die Albumproduktion ausgewirkt?

Gunnar: Den Druck machst du dir eigentlich selbst. Klar hat man auch Augen und Ohren und kriegt alles mit, aber man hat natürlich auch selber den Anspruch ein gutes zweites Album machen zu wollen- überhaupt ein gutes Album. Hauptsache ist, dass Du mit diesem Album irgendwann zufrieden bist. Was sich von außen an Druck ergibt, ist erstmal gar nicht wichtig. Natürlich weißt du, dass du für ein zweites Album selten soviel Zeit hast wie für ein erstes. An deinem ersten Album kannst Du dein ganzes Leben schreiben, für das zweite hast du wie in unserem Fall eineinhalb Jahre. Es war aber nicht so, dass wir panisch waren. Wir haben einfach an irgend einem Punkt angefangen zu arbeiten, Sachen zu skizzieren, die immer wieder zu sammeln und abzulegen, auch den Speicher leer zu machen und immer weiter zu machen. Nach Ende der letzten Tour haben wir dann konkret gesagt: „OK wir arbeiten jetzt daran und wollen das Album fertig kriegen“…

Mieze: Wir hatten auch Lust darauf, das zu machen. Es ist nicht so, dass uns nichts mehr eingefallen ist nach dem ersten Album, sondern das geht ja weiter und gerade wie du auch sagst, mit „Hieb & Stichfest“ haben wir viel erlebt, auch Dinge, die dann wieder Fragen aufwerfen. Für uns ist das total natürlich weiterzumachen und der einzige Druck, den es gibt, ist der, den wir haben. Wir hätten auch in sechs Jahren veröffentlicht, wenn wir der Meinung gewesen wären, es ist jetzt reif. Was uns wichtig war ist, dass es uns gut gefällt, dass wir sagen können, es ist das zweite Album was wir gewollt haben. Das ist ein unglaublich gutes Gefühl so was sagen zu können. Jetzt kommt der nächste Schritt, das zu teilen. Im ersten Moment wo Du es hörst, fängt es schon an. Da will ich wissen: „Wie hat Dir das gefallen?“, „Was denkst Du dazu?“ Es ist unglaublich frisch. Wir sind vor einer Woche fertig geworden. Da ist noch sehr viel Bedarf zum Austausch. Ich glaub uns brennt´s schon wieder unter den Nägeln live zu spielen. Wir haben so viel live gespielt, was sehr gut für die Platte war, sehr gut für uns untereinander, was unser Zusammenspiel, Absprachen betrifft, Kommunikation überhaupt. Und jetzt muss das raus, wir müssen spielen. Es ist in uns und es muss raus. Wir freuen uns total. Wir spielen ja hier aufm „Bochum zum ersten Mal“ und werden zum Teil sicherlich Dinge vom Album zum ersten Mal spielen.

Story BildPunch: Habt ihr bei der „Was es ist“ – Tour schon neues Material als Probelauf gespielt um zu gucken, ob man noch was besser machen kann?

Mieze: War in dem Fall jetzt nicht so. Hätten wir machen können, aber bei uns ist es so, wenn wir n gutes Set haben, haben wir n gutes Set und das Set- wenn es geil ist, ist es geil.

Punch: Beim ersten Song „Komm mein Mädchen“ vermischst Du Deutsch und Englisch. Ist das ein Ausdruck von Protest, gegen die Regeln? Ein bisschen komisch ist das ja schon, hat man in der Kombination selten gehört.

Mieze: Ich hab da echt üblen Spaß dran, mit der Sprache so umzugehen. Ich hab generell Spaß an Sprache. Ich hab das mehr an der Deutschen Sprache entdeckt. Ich liebe einfach bestimmte Ausdrücke. Mir macht es totalen Spaß die Dinge zu singen, Wörter zu erfinden…
Scheiße Band tot, kurze Pause, jetzt geht’s weiter

Punch: Zum zweiten Song „Ökostrom“: Strom hat welche Farbe?

Gunnar: Wenn, dann grün! Der Ausgangspunkt für so n Stück ist zum Beispiel, dass du morgens aufwachst und dir einfällt, was du, wenn du nicht darüber nachdenkst, in den nächsten Stunden alles falsch machen kannst und du dich in dem Moment dafür verantwortlich fühlst, dass vor der kanadischen Küste Tanker sinken, dass Leute massiv nichts zu Essen haben und alles über Dir einstürzt und du dasitzt und dir denkst „Was mach ich eigentlich? Wie ignorant bin ich? Wie wenig denk ich darüber nach was mich umgibt?“ Der Titel „Ökostrom“ ist ja sehr plakativ und sehr so „bitte sehr“. Das ist aber auch gut so, um zu signalisieren, dass dieser Schritt ganz klein ist und auch nur ein kleiner Schritt sein darf. Du sollst nicht am nächsten Tag alles sofort anders und richtig machen. Es ist toll, wenn Du das kannst, aber es ist wichtig, sich in diesem ganzen Kosmos, der dich umgibt, einen Ansatzpunkt auszusuchen, bei dem du sagst „Das guck ich mir mal an, weil darüber hab ich nachgedacht, was mach ich anders?“. Damit wirst du möglicherweise ein Erfolgserlebnis haben, weil Du dich besser fühlst und weil du auch feststellst, dass es wirklich gut ist, wenn du das so machst. In der zweiten Woche überlegst du dir dann, ob du dir wirklich bei Starbucks n Kaffee holen gehst oder was auch immer…Es gibt 1000 verschiedene Beispiele dafür was man richtig machen kann. Es ging in diesem Stück darum zu sagen, dass es nicht schwer ist. Es ist nur wichtig, dass man irgendwo beginnt.

Punch: Habt ihr Ökostrom?

Gunnar: Ja, ich schon.

Mieze: So funktionieren wir auch, dass Dinge die wir sagen, auch so sind, dass wir uns die so wünschen.

Punch: Ihr seid folglich auch gegen Atomstrom!

Story BildGunnar: Ja, wenn ich für Ökostrom bin, dann bin ich wohl gegen Atomstrom.

Punch: Schon mal gegen Atomstrom demonstriert? Hast Du dich schon mal irgendwo an die Gleise gekettet?

Gunnar: Nee, ich bin nicht nach hierher (Anm. d. Red.: NRW, in Berlin gibt es kein Atomkraft-Werk) gefahren und hab mich an Bahnschienen angekettet, obwohl das ok ist! Ich glaube, dass es viel wichtiger ist so ne Entscheidung zu treffen und sich dann dafür zu entscheiden. Wir sind von so vielen Informationen umgeben, dass uns möglicherweise gar nicht auffällt, wie einfach das ist. Es ist quasi ein Entschluss und die damit verbundene Ausführung ist relativ unbürokratisch für Deutsche Verhältnisse, aber eben sehr effektiv. Strom ist auch ne sehr geile Metapher, weil du Strom eigentlich kaum merkst! Es ist halt nicht der Karstadt-Apfel und der Bio-Apfel und die hälts du dann gegen einander und sagst: „Ok, das ist der Bio-Apfel, weil der noch n grünes Blättchen am Stil hat.“ Strom ist allgegenwärtig und eben nicht zu sehen und deshalb natürlich auch was sehr entscheidendes. Es ist gut, wenn man sich darüber Gedanken macht! Es soll nicht die große Moralkelle sein, sondern wenn Du das Gefühl hast, ich könnte vieles besser machen, hey, dann such dir was aus und fang an!

Punch: „Hungriges Herz“ handelt ja von Liebesschmerz. Ist das autobiographisch?

Mieze: Sag ich nicht soviel zu. Es ist sicherlich n Gefühl was super viele Leute kennen. Der Auslöser war ein ganz anderer, sehr spannend. Ich hab vor n paar Monaten n Flyer für ne Schwulenparty in die Hand gedrückt bekommen, die hieß „Hungriges Herz“. Ab da wusste ich was n hungriges Herz ist und dass ich was damit machen will.

Punch: „Was es ist“ wurde schon lange vor „Stille Post“ veröffentlicht und heftigst diskutiert. Mein prägnantestes Erlebnis war, als ich auf ner Party in Berlin gegen Studiengebühren war, haben Studenten Flyer gegen euren Auftritt beim „Bildung rockt“ - Festival verteilt. Wir habt ihr das erlebt und warum denkt ihr polarisiert der Song so?

Story BildMieze: „Was es ist“ ist ja unser Beitrag zu ’nem Projekt, das sich „Angefangen“ nennt, was initiiert ist von unserem Label R.O.T. Mittlerweile nehmen glaub ich bis zu 40 Künstler daran teil, Maler, Fotografen, Lebenskünstler und „Was es ist“ ist halt unser Beitrag dazu. Es geht um Dinge wie Liebe, Respekt, Toleranz. Das sind Dinge, auf die wir uns alle, die wir teilnehmen, einigen konnten. Das sind Dinge, die für uns wichtig sind. Es gibt keine Grenzen. Ich glaube, dass so ne Dinge über alle Grenzen hinweg für alle Menschen wichtig sind. Darum drehts sich bei „Angefangen“. Bei „Was es ist“ gehts eigentlich auch um ne private Geschichte. Ich war in Amiland zum Austausch in Minnesota da haben die mich gefragt: „Wo kommst denn du her?“ und da hab ich schnell Berlin gesagt, weil ich Deutschland nicht sagen wollte, weil ich gemerkt hab, ich hab davor die Blockade, ich kann das nicht einfach so sagen, weil ich damit meine Probleme hab! Da hab ich angesetzt, da hab ich gesagt: Woher kommt das Problem? Was ist denn das, dass es nicht normal für mich ist, dass ich nicht sagen kann: “Ey, ich komm aus Deutschland, weil ich die Sprache spreche ich bin hier aufgewachsen. Das ist ein Teil meiner Kultur. Es sollte eigentlich ganz normal sein und es ist so, dass das Thema ja sehr sensibel ist, dass auch wir, also jeder für sich, seine Probleme damit hat und gerade deshalb gehen wirs an, weil es was normales sein kann. Es gibt natürlich in „Was es ist“ Zwischenzeilen, die so jeder für sich interpretiert. Wir haben sehr viele Reaktionen gekriegt von Leuten, die gesagt haben: „Ich weiß, was Du meinst.“ Es gab für mich ein ganz anderes, ganz privates Erlebnis, was zu nem Klickmoment geführt hat und es gab auf jeden Fall Leute, die gesagt haben: „Ich finde es sehr gewagt oder sehr gefährlich was ihr da macht.“ Da spielt auch ganz viel mit rein, was derjenige, der die Zwischenzeilen interpretiert, selber empfindet dazu. Uns war auf jeden Fall bewusst, dass es Missverständnisse und auch Probleme geben kann, weil wir die selber untereinander hatten. Mit jeder konstruktiven Kritik und auch mit jedem Gespräch, das wir zu dem Thema geführt haben, sind wir weitergekommen und konnten Dinge auch besser formulieren, weil ich finde, letztendlich macht es dann das für mich aus: Es ist ein Projekt und kein Song. Ich finde auch ein Projekt muss gut formuliert sein, so dass die Leute es verstehen. Bei einem Lied gibt es Interpretationsfläche. Ich glaube, dass sich das in der Zeit sehr gut entwickelt hat. Wir haben uns eher Sorgen gemacht, ob wir Sympathisanten von Rechts bekommen. Das war völlig unbegründet, das ist nicht passiert. Dass ausgerechnet aus der Ecke Kritik kommt, von Leuten, mit denen wir eigentlich sympathisieren, das war dann ein Punkt, an dem man überrascht ist. Wo es vor allen Dingen um Vokabeln geht und wo uns ja auch Abgrenzung vorgeworfen wird, was keinen Halt hat, weil jeder, der sich ein Cover von uns genau anguckt, wird sehen, dass wir diese Farben nur zum Teil benutzen, dass wir alles nachher auffächern in alle Farben, Europafarben, die Weltfarben, dass wir auch auf einem Konzert am Anfang die Farben getragen haben, um sie dann zu tauschen und zu sagen: „Ey, es ist die ganze Welt!“ Wir fangen hier an. Wir fangen damit an, dass wir normal damit umgehen, mit unserer Identität, woher wir kommen, um normal mit jeder anderen Kultur, mit jeder anderen Identität umgehen zu können. Das ist ne große Herausforderung, das hört auch nicht auf. Das Ding heißt nicht irgendwann „Fertig“, das heißt „Angefangen“ und es ist ein Kommunikator für uns, dass wir untereinander gucken, was wichtig ist in unserem Land. Dass wir uns nicht von großen Reformen, die weit, weit weg von uns sind, überrollen lassen, sondern… da fang ich im Prinzip wieder da an, wo wir ganz am Anfang waren, dass wir zwischenmenschlich gucken, wo wir stehen und wo wir hinwollen, weil wir untereinander, wir entscheiden wo’ s hingeht. Das dürfen wir nicht vergessen und um so was geht es, dass wir uns auf Dinge einigen, die für uns wichtig sind.

Story BildPunch: Bei „Hieb & Stichfest“ ist relativ oft das Wort Elektropunk gefallen. Jetzt ist ja Punk eine Sache, die stark dem linken Spektrum zugeordnet wird. Würdet Ihr Euch politisch einordnen oder sagt ihr: „Nee, lassen wir die Finger von! Wir sind unpolitisch!“?

Gunnar: Nee, ich würde uns politisch eindeutig als Links einordnen, auch wenn’ s dann Leute gibt, die mir erzählen wollen, was Links zu sein hat oder was nicht. Da hab ich auch gar keine Berührungsängste. Ich mach jetzt ne politische Einstellung nicht an so ’nem Wort wie Punk fest. Punk ist ein Begriff, der zusammen mit Mode entstanden ist, der natürlich für was steht, mit dem man selber Sachen ausfüllen kann, die man selber glaubt darin zu sehen. Für mich oder für uns war Punk immer der Inbegriff des sich selber im Kopf keine Grenzen zu bauen und sich Sachen rausnehmen, die man sich zutraut und sie selbstbewusst zu machen und Wege zu benutzen, die nicht zwangsläufig vorgezeichnet sind, sondern einfach wo anders lang zu kommen und sich von außen kein Gestell oder kein Korsett aufdrücken zu lassen. Das ist Punk. Wie das aussieht, ob du nun grüne Haare hast oder so aussiehst wie Du oder wie ich, das ist vollkommen egal. Darum geht’ s gar nicht.

Punch: Auf der Platte singt Mieze davon, dass die Nägel abgekaut sind. Ist das so ne Macke von Dir und welche Macken haben die anderen?

Gunnar: Ich kau mir ganz gern auf der Unterlippe rum.

Mieze: Und Gunnar nimmt in entscheidenden Situationen die Hände auf den Rücken

Story BildGunnar: Ja das stimmt, wenn ich manchmal durch die Gegend laufe, dann sehe ich aus wie der Lehrer in der großen Pause auf dem Hof. Aber an den Nägeln knabbert keiner von uns, oder?

Mieze: Andy, klar, volle Kanne! Ich versuch mich immer wieder zu disziplinieren, aber so lange hier keiner drin ist, würd’ ich’s tun.

Punch: Grand Prix, ganz großes Thema, Eigentlich ein Wettbewerb, den sich vor ein paar Jahren noch meine Großeltern mit Vorliebe angeguckt haben. Da seid ihr, die ihr ein ganz junges Publikum bedient, Kontrastprogramm. Warum wolltet ihr hin?

Mieze: Es gibt ein komplett neues Reglement, das heißt, es nehmen ausschließlich Künstler teil, deren Video läuft, deren Lied auch läuft. Das Lied ist bekannt vorher, was ich super finde. Du hast die Möglichkeit, dich mit den Leuten zu identifizieren, Sympathien aufzubauen oder auch nicht. Du kannst deine Entscheidung auf jeden Fall auf mehr als einen drei Minuten Eindruck basieren lassen. Letzten Endes war diese Änderung und die Umstrukturierung des Grand Prix der Moment, in dem wir gesagt haben: „Ja, wir wollens machen! Wir können es uns vorstellen, es zu machen!“ Nur dadurch kannst du Sachen selbst gestalten, Dinge selbst in die Hand nehmen, wenn es bisher daran lag, dass uns der Grand Prix nicht gefallen hat wegen der Musik, dann ist doch die logische Konsequenz, dass wir da spielen mit unserer Musik und Musik, die wir lieben, von der wir überzeugt sind. Darum geht’ s uns auch an dem Tag, dass wir da spielen, die Bühne erobern, das Publikum im Saal erobern, durch die Mattscheibe hindurch in die Wohnzimmer der Leute gelangen und die da berühren. Das ist wichtig für uns. Super ist, dass geblieben ist „Europa macht Musik“ und dass das Publikum entscheidet, es gibt keine Jury-Entscheidung, also keine vierköpfige Jury, sondern das Publikum. Du und wir entscheiden. Das ist sehr angenehm. Ich glaub wir freuen uns einfach „Hungriges Herz“ da zu spielen.

Punch: Wollt ihr mit eurem Auftritt dort vor Millionenpublikum ein Schlaglicht setzen?

Gunnar: Also wir machen was, was echt ist. Fertig aus und das machen wir ehrlich und das versuchen wir so gut zu machen, wie wir das können. Wir wissen selber nicht wie das ist, Vielleicht denken wir auch einen Tag nach dem Grand Prix, die ganze Veranstaltung war total für’ n Arsch und peinlich und das machen wir nie wieder, aber genau das wollen wir herausfinden, sonst bräuchten wir das nicht zu machen, aber genau deswegen machen wir das.

Mieze: Stell Dir vor, wie es ist diese Erfahrung zu machen oder mach sie. Wir entscheiden uns immer dafür, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und es zu wagen, es auszuprobieren.

Punch: Vielen Dank für das Gespräch!


tobi.hinkes@punch-fanzine.de
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Mia: "Stille Post"
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