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Intellektuell, aber schnell.
Good Riddance zu unterschätzen geht ganz schnell. Man übersieht die Texte, ignoriert das politische Engagement des Sängers Russ Rankin und überhört die melodischen Feinheiten der PunkHardcoreKracher, für die man Good Riddance kennen und mögen sollte. Die neue Platte "Bound by Ties Of Blood And Affection" ist seit ein paar Wochen erhältlich und bietet nach wie vor anspruchsvolle Kost. Musikalisch werden keine Berge versetzt, aber textlich bietet die veränderte Weltlage genug Ansatzpunkte für einen politisch interessierten Menschen wie Russ, der uns im Email Interview u.a. auseinanderlegt, dass sich nicht die ganze Band zum Weltverbesserer geboren fühlt!
Story Bild Punch: Euer letztes Full-Length Album ist jetzt zwei Jahre her. In der Zwischenzeit habt ihr aber eine Split Single mit "Kill Your Idols" und die "Cover Ups" LP rausgebracht. Hattet ihr das Gefühl, dass es an der Zeit war, wieder ins Studio zu gehen um ein neues Album aufzunehmen?
Russ: Es hat uns definitiv in den Fingern gejuckt, endlich wieder ins Studio zu gehen, um eine neue Full Length CD aufzunehmen. Es war schließlich, wie du gesagt hast, ein paar Jahre her und wir waren es leid, nichts Neues in der Hand zu haben. Und ich bin sicher, dass auch die Fans ungeduldig wurden.

Punch: Hattet ihr ein bestimmtes Ziel, wie die CD klingen sollte, als ihr ins Studio gegangen seid?
Russ: Nicht so sehr. Eigentlich hab ich mich viel unvorbereiteter bei diesem Projekt gefühlt als jemals zuvor. Einige Songs waren noch in einem sehr ungeschliffen und unfertigen Stadium als es losging. Mit der Hilfe unseres Produzenten Bill Stevenson war es uns aber möglich das, meiner Meinung nach, bisher beste Album von uns zusammenzustellen.

Punch: Ihr habt wieder im "Blasting Room" aufgenommen. Scheint so, als ob euch die Arbeit mit Bill Stevenson und Jason Livermore gefällt?Wie wichtig ist der "Blasting Room" für Good Riddance?
Russ: Es macht einen Riesenunterschied. Die Jungs wissen einfach, wie man eine Atmospähre hinkriegt, bei der wir kreativ arbeiten können. Es macht so viel Spaß und sie sind sehr inspirierend. Bill bringt sehr viel wertvolle Erfahrung mit aus der Zeit, in der er selber in Bands gespielt und anschließend produziert hat.

Story BildPunch: Wenn dich jemand nach dem größten Unterschied zwischen "Symptoms of a Leveling Spirit" und "Bound By Ties ..." fragt, was würdest du antworten? Einmal zwischen der musikalischen und andererseits der textlichen Seite?
Russ: Ich denke, dass "Bound..." die Quintessenz von Good Riddances Balance von Wut und Melodie erreicht hat. Außerdem mag ich den Mix auf "Bound ..." ein bisschen mehr als auf "Symptoms ...". Er scheint ein wenig mehr Biss zu haben, so wie Minor Threat oder sowas.

Punch: In einigen Liedern hört ihr euch wie Bad Religion an, z.B. bei "The Process" und "Remember Me". Würdest du mir da zustimmen?
Russ: Ich glaube schon. Bei "The Process" merke ich es nicht so, vor allem, weil dieser Song sehr stark, jedenfalls musikalisch, von Social Unrest beeinflusst ist. Aber wenn ich ihn mir jetzt anhöre, dann höre ich B.R. Einfluss heraus. Mehr in der Musik als im Gesang. "Remember Me" hab ich noch nie mit B.R. verglichen, weil sie auch den Herzschmerz-Liedern aus dem Weg gehen, aber jetzt höre ich ein paar Ähnlichkeiten. B.R. hatte ein enormen Einfluss auf mich als Songwriter, also ist das keine Überraschung. Aber ich versuche definitiv nicht sie zu kopieren oder zu imitieren.

Punch: Als ich die CD gehört hab, hatte ich das Gefühl, dass diesmal mehr langsamere Songs darauf sind. Sie scheinen sich mehr mit den schnelleren Liedern abzuwechseln, was gut klingt. Siehst du eure CD ähnlich?
Russ: Ja, absolut. Das hält das Album interessant und verhilft ihm zu einem besseren Flow. Wir haben es leichter die Zuhörer bei der Stange zu halten wenn wir sie nicht mit Song auf Song mit 200 BPM bombardieren.

Story BildPunch: Geben dir langsame Songs eher die Möglichkeit einen für dich wichtigen Text zu singen? Hängt das von der Geschwindigkeit des Liedes ab?
Russ: Meiner Erfahrung nach nicht. Allerdings bin ich auch der König im Herauspusten von Wörtern in höllisch schnellen Songs ("Defusing the Popular Struggle" auf Symptoms...). Ich glaube, ich kann mich einem Text besser widmen, wenn es ein langsamerer Song ist, andererseits fließen die Wörter oft besser in einem schnelleren Song. Es ist wohl alles relativ.

Punch: Du bist nebenbei anscheinend sehr beschäftigt mit Kolumnen und Artikeln für Zeitungen und Webseiten, um deine Message zu den Leuten zu bekommen. Wie wichtig ist, neben diesen Dingen, Good Riddance als Plattform um den Leuten zu sagen, was du denkst?
Russ: Es ist wirklich cool und ich muss mich bei meinen Bandkollegen bedanken, dass sie mir so einen großen Freiraum geben, um mich in den Lyrics so auszudrücken. Die anderen Jungs sind nicht so politisch wie ich, deswegen ist es cool, dass sie mich das machen lassen. Dass ich die Chance habe Kolumnen zu schreiben ist erstaunlich und ich muss Brett Mathews von AMP Magazine für diese Chance danken. Im Moment arbeite ich an einem Buch ...

Punch: Ist "Bound By Ties ..." eher eine Möglichkeit, um deine Gefühle auszudrücken oder eher der Versuch, die Situation in Amerika zu verändern?
Russ: Es ist reiner Ausdruck. Eine wirklich große Band namens Silent Minority hat es am besten ausgedrückt: "...this is my outlet; this is my therapy...". Ich kann die U.S.A. nicht ändern. Ich alleine bin zu unbedeutend, aber genug von uns zusammen können etwas ändern und deshalb ist Musik für mich so wichtig - es ist ein effektives Kommunikationsmedium.

Story BildPunch: Wenn ich mit anderen Leuten über Good Riddance spreche, dann höre ich oft "Ah, Good Riddance, das ist doch eine politische Punkband!". Interessiert dich das, wenn euch Leute als erstes als politische Band kategorisieren anstatt als Band, die schnellen Punkrock spielt?
Russ: Es interessiert micht wirklich nicht so sehr, aber ich weiss, dass meine Bandkollegen es nicht so sehr mögen, weil es nunmal nicht ihr Kampf ist. Wenn man uns nur als "politische Band" darstellt, dann hiesse es, unsere musikalischen und textlichen Unterschiede zu unterschlagen. Das wäre unfair, aber die Menschen sagen nunmal was sie wollen und das kann ich nicht ändern.

Punch: Das Booklet des neuen Albums sagt, dass "More DePalma, Less Fellini" von einem Gedicht von Charles Bukowski inspiriert ist. Wie wichtig ist Literatur für dich und dein Songwirting? AUnd was magst du an Bukowski? Soweit ich weiss, hat er viel getrunken. ;-)
Russ: Ich lese sehr viel, von daher kann es mir bei meiner Art, das Songschreiben anzugehen, nicht helfen, aber ihm Farbe verleihen. Der Prozess des Songsschreibens selber ist sehr literarisch. Ich trinke zwar selber nichts, aber trotzdem sehe ich die Schönheit in Bukowskis meisterhafter, greifbarer Art Atmosphäre von Elend und Schmutz aufzunehmen und zu projizieren und es gab Zeiten, in denen ich mich genau so gefühlt habe.

Story BildPunch: Vor drei Wochen haben NOFX ihr neues Album "The War On Errorism" veröffentlicht. Fat Mike ist immer sehr konkret in seinen Meinungsäußerungen gegen die U.S. Regierung (man denke an den Song "idiot son of an asshole"). Good Riddance hält seine Äußerungen eher auf der bildlichen Ebene. Stimmst du mir da zu? Und wieso ist das so?
Russ: Als ich jünger war gab es tausende Songs über Ronald Reagan. Das waren und sind großartige Lieder, aber heute haben sie ihre Einflußkraft verloren, weil sie sich selbst an eine Person, eine Schlagzeile oder eine andere flüchtige Sache gebunden haben. Dadurch, dass die Songs sich mehr auf die Gründe konzentrieren als auf die sensationellen Resultate, können sie derZeit besser trotzen. Mike macht die Sache schon richtig, es geht also nicht darum irgendwas gegen NOFX zu sagen.

Punch: Ihr benutzt auf der Platte Samples, z.B. zu Beginn von einigen Songs oder am Ende des Albums. Wie kam das? Hattet ihr Angst, dass manche Leute eure Ansichten ansonsten nicht verstehen?
Russ: Nein, das haben wir schon immer gemacht. Ich glaube, dass es dem Album mehr Persönlichkeit gibt.

Story BildPunch: Punkrock ist eine Musikrichtung, die von vielen Leuten gemocht wird, ohne dass sie über Politik oder die Texte von politisch interessierten Bands nachdenken. Glaubst du das auch, und wenn das so ist: Zu welchem Zeitpunkt und was hat dich dazu gebracht, dich bei den Texten nicht nur auf Themen wie Frauen und Party zu konzentrieren?
Russ: Ich war schon immer an der politischen Seite von Punk Musik interessiert, aber wenn jede Band über Politik singen würde, dann wäre das langweilig. Wir brauchen also Bands und Songs über andere Sachen. Außer über rassistische, sexistische oder schwulenfeindliche Songs bin ich eigentlich froh, dass es so viele gibt.

Punch: Ich mochte eure Videos für "One For The Braves" und "Yesterdays Headlines". Plant ihr einen Videodreh oder habt ihr schon einen neuen Clip für das neue Album? Welcher Song wäre derjenige, zu dem ihr ein Video drehen würdet? Wie wichtig sind Videos überhaupt für dich?
Russ: Ich persönlich kümmere mich nicht so sehr um Videos und ich bin mir nciht sicher, ob wir eins für dieses Album machen werden. Das Video ist der unwichtigste Aspekt der ganzen Sache ... 'it's just eye candy'.

Punch: Was sind die nächsten Pläne für Good Riddance? Touren, evtl. auch noch in Europa in diesem Jahr?
Russ: Wir touren jetzt im Sommer in Amerika und Kanada und kommen hoffentlich im August nach Europa für ein paar Festivals.

Punch: Okay, danke!

Photocredits u.a.: bj papas, ansonsten Homepage GR

meyer@punch-fanzine.de
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Externe Links:
Good Riddance Online:
www.good-riddance.com
Interne Links:
Interview:
Good Riddance: 23.05.2003 (englisch)
CD Review:
Good Riddance: "Bound by Ties Of Blood And Affection"