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Mehr als ein Klischee
Fabulous Disaster sind das gefunden Fressen für die Musikpresse. Es gibt nur wenige Bands, für die sich einfacher ein Aufhänger finden lassen könnte. Warum? Die Basisdaten dieser San Francisco Combo strotzen vor Klischees, die sich problemlos zu jedem Review oder Interview aufwärmen lassen. Vier Mädels wagen sich ins Punkbusiness, was trotz Emanzipation und 3. Jahrtausend anscheinend eine wahre Sensation ist. Und wenn ¾ der Band dann auch noch lesbisch ist, dann bringt das die Presse endgültig in Wallung, aus unterschiedlichen Gründen. !
Story Bild So, nun mal ganz langsam. Hört man lediglich dieses Infos, dann neigt sich der Daumen des Musikfreundes recht flott nach unten. Denn Versuche, die holde Weiblichkeit als böse, lesbisch und rockend darzustellen, gibt es ja in der Mainstreamecke durchaus häufiger, man denke nur an die unsäglichen T.a.t.u. und ihre grauenerregenden Auftritte. Doch so schnell sollte man mit der Vorverurteilung nicht sein, spricht doch alleine der Labelvertrag mit Fat Wreck eine deutliche Sprache. Würde Fat Mike eine Band signen, nur weil sie größtenteils aus Lesben besteht? Naja… Noch einmal zurück zu den Basisdaten.
Fabulous Disaster gründet sich als All-Girl-Band, deren Mitglieder zuvor in Teilen bei Piston zusammen gespielt haben. Sally Gess (Drums), Mr. Nancy (Bass), Lynda Mandolyn (Gitarre & Vocals) und Laura Litter (Vocals) entscheiden sich für powergeladenen Punkrock der guten alten Schule, so ein bisschen Ramones und was es in der Richtung noch gibt. Entscheidendes Plus der Band: Sie beherrscht ihre Instrumente. Und dazu zählt vor allem der zweistimmige Gesang von Laura und Lynda. Zuckersüß, aber mitten ins Gesicht. Eine perfekte Story BildMischung. Das fanden wohl auch Fat Mike und seine Frau Erin, die die fabelhafte Katastrophe live gesehen und schließlich für das Fat Wreck’s Sublabel “Punk&Black Records“ gesigned haben. Das Ergebnis war das Album „Put Our Or Get Out“. Ein echt schweres Geschütz, dass die Klischeemauern ein für alle mal einreißen konnte. Frauen spielen kein Punkrock? Dann kauf dir dieses Scheibe. Anfang des Jahres kommt mit „Panty Raid“ der Nachfolger in die Läden und schlägt in dieselbe Kerbe wie sein Vorgänger. Laut, punkig, geilste Melodien und immer ein Prise asozial. Aber gleichzeitig auch unwiderstehlich. Ein Sahnstückchen.
Und dann endlich eine Tour. Im Wonnemonat Mai kommt das heißeste Fat Wreck Geschoß nach Europa und macht u.a. auch Station in Köln und Düsseldorf. Also musste die Domstadt angesteuert werden, um das bisher traumhafte Bild der Band auch live und in Farbe zu bestätigen.
Das verabredete Interview verschob sich dann allerdings etwas. Aber wer kann soviel Charme widerstehen? Das Ganze sah ungefähr so aus:

Lynda: „Wir gehen erstmal was essen, ist das okay?”
Punch: „Ja klar, kein Thema!“

40 Minuten später. Ich blättere ein wenig im Uncle Sally’s Magazin und verfolge die Story über die Donna’s. Wie passend.

Lynda: „Wartest du immer noch? Sorry, ich kann gerade nicht, kannst du das Interview mit den anderen machen? Ich muss noch ein bisschen Schminke auflegen!“ (zuckersüßes Lächeln)
Punch: „Oh, das hast du doch gar nicht nötig!“
Lynda: „Ohhhh ... you’re so sweet!“
Punch: „Urrgrll…okay, I’ll wait inside“

Dementsprechend ausgeknocked saß ich dann noch eine zeitlang in der Bar und habe meinen fliegenden Puls mit Bier beruhigt. Hätten die Mädels mich vergessen, hätte ich das bestimmt nicht mehr gemerkt, so eingewickelt war ich. Stunden später kamen dann aber Mr. Nancy und Sally zum Interview und wir konnten uns über das neue Album, die Deconstruction Tour und die Zukunftspläne von FabDi unterhalten.

Story BildErwähnenswert ist auf jeden Fall, dass dies die erste Headlinertour der Band hier in Europa ist. Ohne FabDi nahe treten zu wollen kann man sagen, dass dies doch schon ein Stück weit ein Risiko ist. Sooo bekannt ist die Band nun schliesslich auch noch nicht. Mit an Bord sind allerdings die Bambix, die als niederländische Punkcombo mit Frauengesang gut als Vorband ins Programm passt. So richtig lässt sich aber keine Rangfolge zwischen den Bands feststellen, wie Sally findet: „Wenn wir mit den Bambix unterwegs sind, dann ist eigentlich keiner Headliner, wir spielen einfach zusammen. Wenn wir demnächst in Holland spielen, dann werden wir als Opener starten. Schließlich spielen wir in deren Heimatstadt!“ Und was erwartet die Band von Deutschland? „Wir finden Deutschland super, einer unserer Lieblingssorte um zu touren. An der Westküste stehen die Leute einfach nur rum, hier in Europa schätzt man die Bands mehr. Also lieben wir es hier zu spielen.“
Lob für die Heimat hört man ja immer gerne. Nichtsdestotrotz hört man die Freude über die anstehenden Deconstruction Tour heraus. Zusammen mit NOFX, Strung Out, Boysetsfire und anderen geht’s es auf ein paar Dates rund durch Europa. Aufgeregt? „Was witzig ist, als wir vor ein paar Jahren das erste Mal hier waren und hier im Underground gespielt haben, kannte uns niemand. Wir hatten eine super Zeit und haben nette Leute getroffen. Gleichzeitig war die Deconstruction Tour hier unterwegs und wir haben uns natürlich drüber unterhalten, wie es wäre wenn wir dabei sein und vor so einer Crowd spielen könnten.“ Verständlich. Und was ist der Unterschied zur jetzt laufenden Clubtour? „Tourbus!“ meint Story BildMr. Nancy knapp aber entschieden. Allzu viel Komfort gibt es anscheinend bisher nicht. “Jetzt spielen wir vor 100 oder 200 Leuten und bei der Deconstruction Tour vor 10000 Leuten. Das macht natürlich schon einen Unterschied“, wie Sally findet. Allerdings kommen die Leute in die Clubs, um speziell Fabulous Disaster zu sehen. Eigentlich doch eine aufregenden Sache? „Ja stimmt, und bei der Deconstruction Tour kommen sie vielleicht wegen NOFX.“ Aber Mr. Nancy stellt noch mal fest: „Wir sind schon glücklich, dass wir dabei sind. Wir werden zwar als erstes spielen, aber es macht auch Spaß am Nachmittag zu spielen. Man kann Sonnebrillen tragen! Wenn du die abends trägst, dann hält dich jeder für bescheuert.“ Sehe ich genauso. Sowohl das mit der Sonnenbrille als auch die Ansicht über die Deconstruction Tour. So eine Chance hat man schließlich nicht jeden Tag. Eine Menge Kids werden wohl nach dem FabDi Auftritt eine CD mit nach Hause nehmen. Zumindest wenn sie klug sind.
Das neue Album „Panty Raid“ bot wieder genau denselben Mix aus schnellen Krachersongs und wunderbar catchy Refrains. Da stellt sich doch die Frage, was einen guten Punksong ausmacht. Viel Melody oder eher Geschwindigkeit? „Punkrock ist, was du machen willst. Es ist sehr individuell geworden, jeder macht was er will und jeder schreibt die Songs die er will“ sagt Sally. Das hilft mir jetzt noch nicht so unbedingt weiter, auf der Suche nach der perfekten Punknummer, deshalb greift Mr. Nancy noch mal ein: „Als Band sind wir schon sehr melodisch. Es ist also nicht nur drmm drmm drmm oi oi oi.“ Ein paar Songs seien schon flott, aber nun mal nicht nur.
Das beste Beispiel meiner Meinung ist der Song „Short Fuse“ von der neuen CD. Einerseits schrammeln die Gitarren durch die Gegend und süße Vocals führen durch die Strophe, andererseits bricht dann im Refrain das zarte Geknüppel hervor und es wird prolliger. Eine wunderbare Mischung. Wäre der Song der repräsentativste für jemanden, der FabDi noch nicht kennt und einen Eindruck gewinnen möchte? Sally: „Vielleicht “Next Big Joyride”, das wäre der Single-Song, wenn es ums Radio Airplay gehen würde. Das wäre vielleicht das Lied, das die Leute wieder erkennen würden.“ Mr. Nancy findet dagegen: „Short Fuse“ hätte ich auch gesagt, den Song mag ich auch und es macht Spaß ihn zu spielen. Hat ne gute Geschwindigkeit.“
Story BildWo wir schon beim Thema Lieblingssongs sind, wie geht die Band an die Auswahl der Stücke? Und wie viel Lieder stehen überhaupt zur Auswahl, bevor man ins Studio geht? „Ein paar mehr als nötig haben wir schon, von denen werfen wir dann ein paar raus. An den anderen arbeiten wir dann noch ein wenig an den Arrangements. Wir hatten zuerst ein Demo. Wir sind in ein echt kleines Zimmer gegangen mit einem Typen, der sich um die Mikros gekümmert hat. Da haben wir dann 16 Songs aufgenommen und haben die an Fat Wreck gegeben. Und dann kamen sie zurück und haben gesagt, welche wir aufnehmen könnten.“ Oh, das Label sucht die Tracks aus? Das kann ich mir fast nicht vorstellen, weder dass Fat soviel Einfluss nehmen will noch dass sich eine Fat Band so hereinreden lässt. Aber ich werde beruhigt: „Sie haben sich sowieso für die entschieden, die wir auch wollten. Wir hatten ein paar Lieder dabei, die noch nicht reif zum Aufnehmen waren. Nein, wenn wir einen Song gehabt hätten, der unserer Meinung nach auf das Album gehört hätte, dann wäre das auch gegangen. Aber es war halt so, dass alle ihre Wunschsongs für uns okay waren.“
Ein Schwachpunkt, so könnten Kritiker anmerken, sind die Texte der Band. Mit dem Themenpool „Beziehungsstress“ hat man eigentlich fast alle Songs abgedeckt. Ist die Kombination von knackigem Rock’nRoll und romantischen Texten vielleicht eine Domäne von Frauenbands? Ouh, Klischee angeschnitten, so was wird dem Medienvertreter berechtigterweise gar nicht erst durchgelassen. „Es geht meist um persönliche Sachen in den Liedern. Aber wir haben auf der neuen Platte auch Songs über Süßigkeiten und über einen Freund auf der Arbeit.“ Und Mr. Nancy kramt ein bisschen in der Mottenkiste und erzählt von älteren Stücken, die sie wegen des jugendgefährdenden Inhalts nicht mehr spielen. Schade eigentlich.
Story BildAnscheinend läuft die neue Platte ganz gut an und das Kaufverhalten der Zuschauer nach der Show am Merchandise lässt auf eine gute Resonanz im Volke schließen. Interessant ist, wie die Band selber das Album sieht. Welche Ziele hat sich Fabulous Disaster gesteckt? Sally: „Ich würde gerne mehr Headliner Touren spielen. Wir sind schon fast soweit. Wir touren mehr in Europa als in Amerika. In Amerika sind wir fast soweit, dass wir eine Headliner Tour spielen können. Das hier ist unsere erste kleine Headliner Tour, ich denke es wird gut laufen. Ich würde mich einfach gerne weiterentwickeln.“ Hängt das von der Anzahl der verkauften Platten ab, ob man sich erfolgreich fühlt? „Ich denke wir sind sowieso schon erfolgreich. Alleine die Tatsache, dass wir gerade hier sein dürfen und Songs schreiben können, die uns gefallen, spricht dafür, dass wir erfolgreich sind und Glück haben.“
Glück hatten auf jeden Fall auch die Zuschauer, die das Powerquartett nach dem Interview auf der Bühne erleben durften. Und wer die Show verpasst hat, dem seien die Tonkonserven empfohlen. Denn abseits des Spektakels um die Klischees Frauenrock und Girlpunk stand da eine super Liveband auf der Bühne.


meyer@punch-fanzine.de
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Externe Links:
FabDi Online:
www.fabulous-disaster.com
Pink&Black Website:
www.fatwreck.com/pnb
Fat Wreck Europe:
www.fatwreck.de
Interne Links:
Interview:
Fabulous Disaster: 19.08.2003
CD Review:
Fabulous Disaster: "Panty Raid"
CD Review:
Fabulous Disaster: "I'm A Mess" EP
Live Review:
Fabulous Disaster: Köln, Underground 13.05.2003
Live Review:
Fabulous Disaster: Düsseldorf, Bürgerhaus Bilk 16.05.2003
Live Review:
Fabulous Disaster: Hamburg, Hafenklang 25.08.2004
Live Review:
Fabulous Disaster: Köln, Sonic Ballroom 17.05.2005