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Green Day: "American Idiot" Label: Reprise/Warner
CD Cover Wenn man bei Ebay nach Green Day-Versteigerungen sucht, finden sich zu wenigstens 50% alte "Dookie"-Scheiben, die für ein paar Euro über die virtuelle Ladentheke gehen. Das ist auch völlig einleuchtend, denn dieses Stück Musikgeschichte war prägend für eine ganze Generation Heranwachsende, die nach Kurt Cobains Abgang trotzdem noch Schwierigkeiten mit dem Erwachsen werden hatten. 10 Jahre später ist der eine oder andere doch noch "groß geworden" und versteigert seine Jugend, um sich anschließend vom Erlös einen Latte Trallala bei Starbucks zu gönnen. Was hat das mit der neuen CD zu tun? In spätestens 10 Jahren werden bei Ebay die andere Hälfte der eingestellten Green Day-Artikel "American Idiot"-Exemplare sein. Denn die Paralellen sind unübersehbar.

1. Die Spielfreude und Energie von "Dookie" ist präsenter denn je. Jeder Song strahlt den, im positiven Sinne, Wahnsinn von Lied-Legenden wie "Basket Case" aus.
2. Zur Zeit gibt es nichts, was in Sachen PopPunk so frisch daher kommt. Die neue Sum41? Good Charlotte? Selbst die schon etwas ältere Blink 182 CD, die ja einen Meilenstein in Sachen Songwriting für die Band bedeutet, kann da nicht eingreifen. Wer energiegeladenen, aber trotzdem für Außenstehende "verständlichen" PunkRock sucht, kommt an "American Idiot" nicht vorbei.
3. Das Timing stimmt. Anfang der 90er war "Dookie" der melancholisch-angepisste Gegenpol zur Grungebewegung und ihrem Phlegma. Heute langweilt man sich gepflegt bei den Ausläufern der Nu Metal Bands oder schüttelt halbherzig den Kopf zu Garagenrockbands, die ein "The" im Namen tragen. Da wirds Zeit fürs Aufräumen.
4. Die Grundaussage, wenn es so etwas bei "Dookie" überhaupt gab, bleibt gleich. Das "sich hier falsch fühlen" ("Burnout") und trotzdem weitermachen zieht sich auch bei "American Idiot" wie ein roter Faden durch das Material. Die drei Hauptfiguren der Songs (St. Jimmy, Whatsername und Jesus Of Suburbia) sind mehr als abseits der Gesellschaft, mit der sie nichts anfangen können. Wer kennt das Gefühl nicht auch manchmal?
5. Der letzte Grund für meine Klassikertheorie ist, dass nicht nur alte Fans auf ihre Kosten kommen. Mehr als mit dem 2000er Album "Warning" haben Green Day jetzt die Chance, nochmal richtig viele neue Hörer zu gewinnen. Dafür sind nämlich einfach zuviele potenzielle Singlehits dabei.

Gucken wir uns das doch einmal näher an. Derzeit überschlagen sich ja die vorlauten Stadtmagazine, renommierten Fachveröffentlichungen sowie die Pommesbuden-Lektüre bei McDoof und Burgerkrieg über die Weiterentwicklung der Band und die außerordentlich innovative Idee, eine Punk Opera (was immer das sein soll) auf die Bühne zu bringen. Das Problem: Das ist gar nicht neu. Schließlich haben Green Day mit Brainstew/Jaded schon vor Jahren Lieder ineinander fließen lassen, die alleine so nicht überleben konnten, weder live noch auf Platte. Auf der "Nimrod" passiert dasselbe bei "Jinx/Haushinka". Einzig und allein neu ist, dass sich das gesamte Album um drei Hauptcharaktere dreht. Da gleich von einem Konzeptalbum zu reden, ist schon fast übertrieben. Da der Künstler aber gerade dieses tut - schließlich hat die Presse dann auch wieder etwas zu schreiben, und gibt es etwas schöneres als ein "Comeback" mit Modernisierungs- und Neufindungsphantasie - sind wir mal nicht kleinlich und freunden uns mit dieser Kategorisierung an.
Für die zwei Kernstücke von American Idiot, ca. 9 Minuten lange Punkflickenteppiche namens "Jesus Of Suburbia" und "Homecoming", gilt zweifelsohne die Beschreibung NEU und UNERWARTET. Mit extremer Spielfreude mischen Billie Joe, Tre Cool und Mike Dirnt ihr bisheriges Schaffen durch den Fleischwolf und gießen das Destilat in verdammt eingängige Songs, die fast nahtlos ineinander übergehen. Dabei schaffen sie es, Stimmung, Tempo und Härtegrad stufenlos zu regulieren und den Hörer mit auf eine eigenwillige aber kurzweilige Reise zu nehmen.
Dazwischen wird das Genre des PopPunks mit Geschenken wie "St. Jimmy", "She's A Rebel" oder "Letterbomb" wiederbelebt, ja neu erfunden. Einfach, eingängig und voller Energie.
Bestes Beispiel dafür ist der absolute Übertrack "Holiday", dessen erste Gitarreakkorde dieselbe Signalwirkung haben wie der Basslauf vom epochalen "Longview". Hysterisch, aber saucool, mit einem Beat nahe an dem schwankenden Gröhler "Minority" von "Warning", bläst dieser Prostestsong im besten Sinne die Ohren von allen Kritikern durch, die Green Day schon am Ende sahen. Wütend, aber melancholisch, zum Teil ätzend bringt Billie Joe seine Gedanken zur Sprache. Der Höhepunkt ist sicherlich die außergewöhnlich drastische Textpassage "Zieg heil to the president gasman/ Bombs away is your punishment/ Pulverize the eiffel towers/ Who criticize your government". Tja, in Zeiten wie diesen nimmt nichtmal eine relativ unpolitische Truppe wie Green Day ein Blatt vor den Mund.
Ganz weit vorne befinden sich natürlich wieder die etwas ruhigeren Punkballaden. "Boulevard Of Broken Dreams" kann es beispielsweise spielend mit dem bisherigen Bestseller "Time Of My Life" aufnehmen, eher sogar als das jetzt schon abgefeierte "Wake me up when september ends".
Ä h ja, kommen wir mal auch hier zu einem Ende. Punk Opera hin oder her, neue Einflüsse rein oder raus - Green Day sind zurück und das stärker als je zuvor. Ein Comeback auf seit 10 Jahren höchstem Niveau. Da steckt alles drin, was der gepflegte Rocker für 2004 braucht. Also kaufen - auch wenn die CD in ein paar Jahren bei EBay drin steht.
meyer@punch-fanzine.de
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Externe Links:
Official Website:
www.greenday.com
Green Day's Label:
www.repriserecords.com
Billie Joe's Label:
www.adelinerecords.com
Official Fanclub:
www.greenday.com/ idiotclub
Interne Links:
CD Review:
Green Day: "Sheanigans"
Live Review:
Green Day 01.10.2004, Zeche in Bochum